Von Jens Söring
"The Hole" - das Loch - ist das Letzte, tiefer kann man nicht sinken. Wenn du das Gesetz brichst, schickt dich der Richter in die Strafanstalt. Wenn du nicht einmal die dortigen einfachen Regeln einhalten kannst, steckt man dich in das Loch. Das ist der letzte Schritt, die ultimative Sanktion, die letztmögliche Deponie für die Unangepasstesten unter den Unangepassten.
In der Segregation, wie das Loch genannt wird, werden widerspenstige Häftlinge für mehr als 23 Stunden pro Tag in Einzelzellen untergebracht, um sie mit Langeweile zu bestrafen. Soziale Kontakte mit anderen Insassen, freier Zugang zu Dusche und Telefon, Bewegung im Freien, Arbeit und damit die Möglichkeit ein wenig Geld zu verdienen und natürlich das Fernsehen - all das wird den Gefangenen in "Seg" verwehrt. Im Loch verlangsamt sich die Zeit und beginnt, dich wie eine Zange zu umschließen. Das ist der unterste Höllenkreis.
Nun, warum habe ich im Herbst 2004 dreiundvierzig Tage in Segregation verbracht? Während der letzten neunzehn Jahre in Haft kam es zu keinem einzigen disziplinarisch relevanten Vorfall - ich wurde über all die Jahre immer als Modell-Gefangener betrachtet. Welche Regel sollte ich nun gebrochen haben, um meinen Trip in das Loch zu rechtfertigen?
Genau das wollte ich wissen, als ich am ersten Tag nach meiner Überstellung in die Segregation vor die Klassifizierungskommission des Gefängnisses gebracht wurde. Ein Aufseher erklärte mir durch die Tür, mich für den kurzen Weg von meiner Zelle zur Kommission fesseln zu müssen. Da die Isolation im Loch die Gefangenen destabilisiert, werden sie bei jedem Verlassen der Zelle in Handschellen gelegt und gefesselt.
Ich musste mit dem Rücken zu Tür in die Hocke gehen und meine Hände durch den Schlitz hinter mir stecken, durch den normalerweise das Essen in die Zelle gereicht wird. Der Wärter legte mir Handschellen an und befestigte daran ein Art von Leine, die nebenbei bemerkt dieselbe war, wie sie auf den bekannten Fotos von Lynndie England in Abu Ghraib zu sehen ist. Leinen gehören zur Standardausstattung aller Segregations-Abteilungen in amerikanischen Gefängnissen und sind keineswegs nur ein perverses Spielzeug einiger weniger schwarzer Schafe der Militärpolizei im Irak.
Gefesselt durfte ich nun meine Hände zurück nehmen und aufstehen. Der Aufseher öffnete die Tür, schob die Leine durch den Schlitz und befahl mir, mich mit Blick zur Wand auf das Bett zu knien. Die Unterschenkel reichten über den Bettrand hinaus was ihm ermöglichte, mir Fußfesseln anzulegen. Nun war ich für den Weg zu Kommission vorbereitet.
Mit Fußeisen oder Fußfesseln zu gehen erfordert, wie auf einem schwankenden Segelboot die Beine in Halbkreisen nach rechts und links zu schwenken, damit die Schlösser an den beiden Fußgelenken nicht aneinander stoßen.
Ich konnte meine gefesselten Arme nicht verwenden, um die Balance zu halten, was dazu führte, dass die ganze Aktion anfangs entnervend war. Glücklicherweise war ich an einen freundlichen Wärter geraten, der mir mit seiner Hand auf meiner Schulter half - in der anderen Hand hielt er natürlich die Leine.
Als wir die Klassifizierungskommission im Aufenthaltsraum erreichten, setzte ich mich wie auf eine Vogelstange auf den Rand des Stuhls, um meinen am Rücken gefesselten Armen genügend Platz zu lassen. Fünf Kommissionsmitglieder blickten von einem erhöhten langen Tisch auf mich herab: Ein Verwalter, ein Psychologe, ein Wärter mit höherem Dienstgrad, und zwei Klassifikationsbeauftragte, die Sozialarbeiter genannt werden (eine Bezeichnung, die aus einer Zeit stammt, in der diese Position die Fürsprache für den Gefangenen beinhaltete).
All diese Gefängnismitarbeiter kannten mich jahrelang und verhielten sich in anderen Situationen freundlich zu mir. Wie auch immer, an diesem Tag erschienen sie mir wie Ärzte, die eine ekelhafte Hautkrankheit diagnostiziert hatten: Bedauernd aber abgestoßen.
Die Kommissionsvorsitzende erklärte mir, gegen mich würde ermittelt werden. Weswegen, fragte ich. Sie antwortete, sie wisse es nicht. Wenn es an der Diskette läge, die am Vortag in meiner Zelle gefunden wurde, sagte ich, sollte das mit dem Vorgesetzten geklärt werden - er hätte mir die Diskette gegeben. Die Vorsitzende wiederholte, dass sie nicht wisse, worum es geht. Dreißig Sekunden, das war's.
Natürlich wussten wir beide, welche Regel ich gebrochen hatte, weswegen ich im Loch gelandet war: Meine Bücher und Artikel, die ich in der Zeit davor über das Leben im Gefängnis und über die Notwendigkeit von Reformen geschrieben hatte, waren so etwas wie Indiskretionen. Für diesen Regelverstoß und nicht wegen irgendeines aktuellen Vorkommnisses wurde ich wie die gewalttätigen, perversen oder psychisch kranken Insassen, die von den anderen Gefangenen isoliert waren, in die Segregations-Abteilung verlegt.
Natürlich ist es letztendlich nicht möglich, die Verlegung als Akt der Vergeltung durch die da oben zu beweisen; es plausibel von sich zu weisen ist eine schöne Sache! Darüber hinaus war ich dumm genug, der Behörde eine Entschuldigung zu liefern; das Department of Corrections von Virginia hatte nun keinen Grund mehr, was abzustreiten, plausibel oder nicht - egal.
Am 27. September 2004 hatte ein Wächter eine Diskette in meiner Zelle gefunden, ein Gegenstand, der normalerweise als Schmuggelware betrachtet wird. Das stellt in dem Gefängnis, in dem ich inhaftiert bin, im Regelfall kein schweres Vergehen dar. Über Richard Y., den letzten Häftling, der mit einer Diskette erwischt wurde, verfassten die Zuständigen nicht einmal einen offiziellen Vermerk; er wurde lediglich inoffiziell mit einem zeitlich begrenzten Arbeitsverbot bestraft. Wenn ihm sein Vorgesetzter erlaubt hätte, die Diskette für persönliche Zwecke zu benützen, wäre wohl auch diese Strafe weggefallen. Ich hingegen hatte sowohl von meinem Vorgesetzten als auch vom Systemadministrator des Gefängnisses die Erlaubnis bekommen, die Diskette zu nützen und teilte dies unverzüglich dem Beamten mit, der sie fand. Nun war ich also in Segregation, in Handschellen gelegt und gezwungen, wie ein Frosch zu gehen. Schon ziemlich befremdlich.
Befremdlich ist auch das richtige Wort um die Umstände zu beschreiben, die zum Fund der Diskette führten. Als an jenem Morgen die Wächter an meiner Tür standen, sagten sie mir, dass sie gekommen waren, um meine Zelle zu durchsuchen. Diese überraschenden Durchsuchungen sind ein durchaus üblicher Vorgang hier im Gefängnis - wäre ich nicht im "Honor Dorm", der Abteilung für vorbildliche Häftlinge, in der die Bewachung auf ein Minimum reduziert ist. Razzien sind im Honor Dorm völlig unüblich und ich kann mich nicht erinnern, vor diesem 27. September 2004 hier jemals eine erlebt zu haben. Mit einer Razzia wie dieser war ich seit meinem Aufenthalt in einem "Supermax" - einem Hochsicherheitsgefängnis - in den 90er Jahren nie wieder konfrontiert.
Jeder Ordner und jeder Briefumschlag wurde geöffnet, jeder Deckel gehoben, jede Schublade umgekippt, Decke, Kopfkissen und Matratze auf Nähte abgesucht. Im Supermax durchsuchten jeweils zwei normale Wärter meine Zelle und nicht wie in diesem Fall ein höherrangiger Angestellter. Verquerer und verquerer, wie Alice im Wunderland rief.[2]
Die Diskette wurde unmittelbar gefunden, da ich schlichtweg nicht versucht hatte, sie zu verstecken. Ich hatte die Erlaubnis bekommen, sie für meine Schreibprojekte zu nützen und hatte keinen Grund, sie zu verbergen. Viele der Mitgefangenen sowie der Gefängnismitarbeiter wussten seit Jahren über meine Arbeit an Büchern und Artikeln über den Gefängnisalltag - und seit 20. September 2004 wusste auch die Hauptstelle der Gefängnisverwaltung in Richmond (Virginia) davon.
An diesem Tag, genau eine Woche vor dieser speziellen Razzia, druckte die größte Zeitung des Staates Virginia einen Artikel über die Herausgabe meines zweiten Buches, An Expensive Way to Make Bad People Worse - An Essay on Prison Reform from an Insider's Perspective. Noch schlimmer, das Buch wurde gut rezensiert, und es wurde bekannt, dass der frühere Direktor des Department of Corrections in Alaska das Vorwort geschrieben hatte und ein Professor in New York mein Buch für einen seiner Kurse am John Jay College of Criminal Justice verwendet . Das war sicherlich nicht besonders erfreulich für die Gefängnisverwaltung, die den Status Quo erhalten wollte.
Und sicherlich, der Lebensunterhalt hunderttausender Menschen hängt vom Erhalt der Größe und Struktur des amerikanischen Bestrafungssystems ab. Mehr Menschen arbeiten in der Gefängnisindustrie als in jeder anderen Fortune 500-Firma (Fortune 500 ist eine Liste der fünfhundert größten Firmen, die von Fortune, dem ältesten Wirtschaftsmagazin der U.S.A. publiziert wird) außer General Motors[3], und in vielen U.S. Bundesstaaten, auch in Virginia, ist die Gefängnisverwaltung der größte Arbeitgeber der öffentlichen Hand.[4] Jedes Jahr bezahlt der Steuerzahler 57 Milliarden Dollar, um hunderte lokale, staatliche und bundesstaatliche Gefängnisse zu betreiben, die über das ganze Land verstreut sind.[5] Es ist ein Imperium, das es wert ist, verteidigt zu werden; ganz besonders gegen einen kleinen lästigen Häftling, der alles besser weiß und der An Essay on Prison Reform from an Insider's Perspective geschrieben hat.
Viele der Wärter, die an der Basis arbeiten, sind sich der Problematiken bewusst und wissen sehr genau, dass die Gefängnisse nichts anders sind als An Expensive Way to Make Bad People Worse, ein teurer Weg um schlechte Menschen noch schlechter zu machen. Das ist zweifellos auch der Grund warum ich leise aufmunternde Worte von Gefängnisbediensteten aller Dienstgrade bis hoch zum ehemaligen stellvertretenden Gefängnisdirektor zu hören bekam. Während meiner sechs Wochen im Loch kam es nur ein einziges Mal vor, dass ein Oberleutnant süffisant bemerkte: "Denke du wirst hier drinnen keine Bücher mehr schreiben, nicht?"
Was dieser Oberleutnant und ähnlich denkende Bürokraten vor der Öffentlichkeit verbergen wollen ist, dass die Inhaftierung von Millionen Rechtsbrechern die Kriminalitätsrate nicht senkt. Die Fakten sind simpel: In den letzten dreißig Jahren stieg die Zahl der Häftling in den U.S.A. von 300 000 auf 2,1 Millionen.[6] Zugleich war die Kriinalitätsrate im Jahr 2004 dieselbe wie 1973[7], wie das Justizministerium im Jahre 2004 konstatierte. Dieselbe Kriminalitätsrate bei siebenfacher Gefängnispopulation, kein gutes Geschäft für die Steuerzahler!
Und ein noch schlechteres für die Kinder und Studenten. Über 1,5 Millionen Mädchen und Jungen wachsen mit einem oder beiden Elternteilen im Gefängnis auf - ein durchaus effektiver Weg, um die Chance zu erhöhen, dass diese Kinder später selbst hinter Gittern landen.[8] Währenddessen fehlen die 57 Milliarden Dollar, die für den Erhalt der Gefängnisse ausgegeben werden, im Bereich der Bildung: Während das Budget für die Gefängnisse zwischen 1987 und 1998 um 30% gestiegen ist, wurden die Mittel für die Grundschulen um 1,2% und für die Universitäten um 18,2% gekürzt.[9] Ein niedriges Bildungsniveau ist selbstverständlich auch ein probates Mittel, um Kinder auf eine kriminelle Karriere vorzubereiten.
Die Mitarbeiter der Gefängnisse sehen diesen "Kollateralschaden", der durch die massive Expansion der Gefängnisindustrie entsteht, da sie oft selbst aus schwierigen Verhältnissen stammen und aus denselben Gegenden wie "ihre" Gefangenen kommen. Wenn der Wärter selbst keine Angehörigen hinter Gittern hat - was erstaunlich oft vorkommt -, dann sind zumeist einige der Väter von Freunden seiner Kinder inhaftiert.
Die Hälfte aller jungen Schwarzen, die in Großstädten aufgewachsen sind, leben hinter Gittern oder sind auf Bewährung beziehungsweise Kaution in Freiheit.[10]
Wenn du deinen Arbeitstag damit verbringst, Leute aus deinem Stadtteil zu bewachen, in den du abends selbst zurück kehrst, fragst du dich: Ist das eine gesunde Sache?
Mein Chef im Gefängnis, in dem ich untergebracht bin, wäre nicht der einzige Bedienstete, der diese Frage mit "nein" beantworten würde. Im Gegensatz zu manch anderem Wächter hat er nicht komplett aufgehört, die Leben der wenigen Gefangenen für die er zuständig ist, zu verbessern: Wenn sich die Möglichkeit ergab, half er mit einem kleinen Ratschlag. Und wenn einer seiner Arbeiter - in diesem Fall ich - an seinem alten Computer in seinem Büro schreiben wollte, durfte er zur Datensicherung eine Diskette benützen, solange der Systemadministrator des Gefängnisses damit einverstanden war und die Daten aus Sicherheitsgründen überprüft wurden. Diese Vereinbarung stellte einen Teil des Arrangements zwischen meinem Boss und mir dar. Allerdings reichten sie nicht aus, mich zu schützen - und was noch schlimmer ist, um ihn zu schützen.
Als ich am Tag nach meiner Überstellung in das Loch von meinem wenig informativen Termin mit der Klassifizierungskommission in die Zelle zurück kam, richtete ich mich auf einen kurzen Aufenthalt ein. Ich hatte nichts Falsches getan. Die Tage des Wartens wurden zu Wochen und schließlich zu Monaten. Und eigentlich warte ich bis heute. Monate nach den Ereignissen, die ich hier beschreibe, weiß ich immer noch nicht, warum gegen mich ermittelt wurde - und vermutlich immer noch wird. Niemand befragte mich. Unnötig zu sagen, dass mir kein disziplinarisches Vergehen vorgehalten wurde, genauso wenig wie ich wegen eines solchen verurteilt worden war.
Ich hatte erwartet, irgendwann vom Ermittler des Gefängnisses befragt zu werden, einem Mitarbeiter, der sich um ernsthafte Regelverletzungen von Häftlingen und in geringerem Umfang um Korruptionsvorwürfe gegen Wärter kümmert. In einem ganz normalen Ermittlungsverfahren kocht dieser Mitarbeiter den Gefangenen damit weich, ihn einige Wochen im Loch zu lassen. Danach lässt er ihn in einen kleinen Lagerraum in der Segregationsabteilung bringen, der "Eisraum" genannt wird; eine halbe Stunde später taucht er mit einem vollständigen, offenen und freiwilligen Geständnis wieder auf - jedes Mal. Den Ermittler sah ich erst elf Wochen später, am 8. Dezember 2004, einen Monat nach meiner Entlassung aus dem Loch. Wir trafen uns vor dem Verwaltungsgebäude. Auf meine Frage hin erklärte er mir, dass nicht er, sondern "Richmond", die Zentrale, für meinen Fall zuständig wäre und flüchtete mit einer für einen stark gebauten Mann erstaunlichen Geschwindigkeit in das Verwaltungsgebäude.
Jedenfalls hatte er recht, ich hatte bereits zwei Monate davor herausgefunden, dass tatsächlich ?Richmond" hinter meiner Verlegung stand. Während der ersten Woche nach meiner Verlegung, der Phase in der man traditionell "weich gekocht" werden sollte um für die Befragung bereit zu sein, versuchte mein Vorgesetzter in keiner Weise, mir zu helfen. Als dann niemand auftauchte, um mich zu befragen oder meine Unschuldsbeteuerungen zu überprüfen, telefonierte er am 6. Oktober 2004 mit der stellvertretenden Gefängnisdirektorin. Er hätte mir erlaubt, die Diskette zu benützen, sagte er ihr, und er würde das auch als Zeuge bestätigen, wenn ich deswegen einer Regelverletzung beschuldigt werden würde. Dieser Anruf hätte normalerweise alle Vorwürfe entkräftet. Stattdessen erhielt ich am 7. Oktober eine Benachrichtigung von der stellvertretenden Direktorin, dass die Untersuchung nach Richmond an "Internal Affairs", die Interne Revision, abgegeben wurde.[11]
Diese Abteilung untersucht beispielsweise Todesfälle von Häftlingen und ist vor allem für Korruption oder kriminelle Handlungen von Bediensteten zuständig. Die Abgabe der Zuständigkeit an I.A. deutete darauf hin, dass die Entscheidungsträger es aufgegeben hatten, mich wegen des Besitzes von Schmugglerware zu belangen und mittlerweile einen weitaus ernsteren Weg gegen mich und meinen Vorgesetzten eingeschlagen hatten: "Unangemessenes Benehmen eines Bediensteten", Bürokratensprache für Betreuerinnen, die Sex mit Inhaftierten haben oder Wächter, die Drogen für Häftlinge in das Gefängnis schmuggeln. Mit seiner offensiven Art, mich in diesem Telefongespräch zu verteidigen, hatte mein Vorgesetzter offensichtlich eine Grenze überschritten und wurde zu einem "Verräter". Klarerweise war der einzig nachvollziehbare Grund für sein Verhalten, dass ich ihn bestochen oder erpresst hatte. Das ist die Essenz, der Kern dieses Systems: Die Wahrheit zu sagen ist Verrat. Behaupte nie, dass der Kaiser keine Kleider trägt. Halte deinen Kopf gesenkt und zieh es durch.
Die übliche Vorgangsweise der Untersuchungen der "Internal Affairs" ist, dass die Häftlinge im Loch bleiben, bis sie bereit sind, gegen die Vollzugsbeamten auszusagen. Im letzten Jahr wurden zwei Häftlinge ohne weitere disziplinarische Maßnahmen aus der Segregation entlassen - im Austausch gegen Aussagen über Sex mit Wärterinnen.
Vielleicht erhofften sie, dass ich gegen meinen Chef aussagen würde, ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass weder er noch ich von I.A. auf den Fall angesprochen wurden. Drei Wochen später, am 28. Oktober, wurde ich ein zweites Mal vor die Klassifizierungskommission gebracht, die obligatorische monatliche Anhörung.
Die stellvertretende Direktorin selbst nahm am Hearing teil und sagte, dass sie - wie ich - nicht erkennen könne, was der Grund für die Untersuchung gegen mich wäre und dass sie in Richmond anrufen würde, um für meine Entlassung aus der Segregation zu sorgen. Nun, ich wurde an diesem Tag nicht entlassen, auch nicht am nächsten Tag oder an einem der folgenden. Auf mein Schreiben hin, wie der Stand der Dinge wäre, antwortete sie, dass die Abteilung für Internal Affairs ihre Anrufe ignorieren würde.[12] Soweit ich weiß ist das einzigartig in der Geschichte der Department of Corrections. Verquerer und verquerer...
In der Zwischenzeit saß ich meine Zeit im Loch ab, länger als die längste Strafe, die beim Hearing verhängt hätte werden können.
Die Höchststrafe für die meisten Vergehen, wie auch beispielsweise für den Besitz von Schmuggelware, ist fünfzehn Tage im Loch.[13] Nicht einmal eine Vergewaltigung, Messerstecherei oder das Anzetteln eines Aufstandes bedeuten mehr als dreißig Tage. Hm, ich war sozusagen gut unterwegs mit meinem zweiten Monat in "Seg". Drei Mal pro Tag öffnete sich der Schlitz in meiner Tür im Loch und ich übernahm meine ernährungsphysiologisch ausgewogene Standardmahlzeit, die Kalorien abgezählt; während des ersten Monats verlor ich vier Pfund an Gewicht. Die Wächter legten jeden zweiten Tag in Ketten, um mich in die Dusche zu bringen, ohne Fußfesseln, wie gütig. Und fünf Mal die Woche war es mir erlaubt, jeweils für eine Stunde im Hof zu verbringen, einem Hundekäfig im Freien für die Häftlinge der Segregation.
In den meisten der Gefängnisse gibt es diese speziellen Ein-Mann-Käfige, Zellen ohne Dach. Der Grundriss gleicht dem der Zelle, solide Wände an drei Seiten, ein Viereck blauen Himmels oben. Die Isolation soll auch in Hof fortgesetzt werden. Natürlich versuchen die Häftlinge zu rufen, sich zu verständigen, und geisterhaft klingen die Stimmen von einem Käfig zum nächsten. In meinem Gefängnis allerdings sind diese Käfige aus Maschendrahtzaun, es ist also möglich, beim Sprechen einander zu sehen. Eine Kleinigkeit - aber Luxus im Loch.
Die Gefangenen, mit denen ich im Hundekäfig sprach, repräsentierten den Durchschnitt der Population in amerikanischen Gefängnissen - nicht die Monster, die so mancher erwarten würde, sondern eine kunterbunte Mischung von Außenseitern und Versagern. Mit anderen Worten, Leute wie ich.
Beispielsweise Cut Me Up[14], einer von 14 500 Jugendlichen pro Jahr, der wie ein Volljähriger verurteilt und in ein Gefängnis für Erwachsenen überstellt wurde.[15] Sein Weg, mit der Belastung umzugehen war, sich mit einer alten Rasierklinge Fleischstücke aus seinen Unterarmen zu schneiden. Cut Me Up war immer wieder an Regelverletzungen beteiligt, und die Konsequenz daraus war eine geplante Verlegung in ein Gefängnis mit höherer Sicherheitsstufe. Nachdem ihm andere Gefangenen in den Käfigen am Hof beschrieben, was er dort zu erwarten hat, ließ er gegenüber einem Aufseher ein Bemerkung fallen, die nach Suizidgedanken klang. Die Verwaltung verlegte ihn in eine "Strip Cell", eine Zelle ohne bewegliche Gegenstände, ohne Decke und Kopfkissen, ohne Kleider und demnach ohne Möglichkeit, sich selbst zu verletzen. Diese Lebensumstände destabilisierten ihn noch mehr - bis an dem Punkt an dem er begann, seine Exkremente überall in der Zelle und auf seinem Körper zu verschmieren. Resultat war eine neuerliche Verlegung: In die "Five-Point-Restraint Cell", gefesselt auf einer Liege, nur alle zwei Stunden losgebunden, um zur Toilette zu gehen. Die ganze Seg-Abteilung konnte seine Scheiße riechen, als Wärter die Zelle reinigten.
Diese Form der Selbstbeschmutzung ist im Loch nichts Besonderes; Spezialkleidung und Desinfektionsmittel gehören zur Standardausstattung für die dort arbeitenden Wärter
Eine neuere Studie zeigt, dass ganze 25% der Segregationsgefangenen in einem typischen Staatsgefängnis psychisch krank sind; die Hälfte davon versuchte während des Aufenthaltes im Loch Suizid zu begehen.[16] Cut Me Up war leider kein Einzelfall. Genau wie der kleine leise sprechende Mann hispanischer Herkunft aus dem "Mental Health Dorm", der Abteilung für psychisch Kranke hier im Gefängnis. Während Amerika nur 80 000 Patienten in psychiatrischen Krankenhäusern betreut, werden 400 000 psychisch Kranke in Haftanstalten gehalten, was rund 20% der 2,1 illionen Insassen entspricht.[17]
Die überwältigende Mehrheit dieser kranken Häftlinge habt nicht das Glück, in speziellen Abteilungen untergebracht zu sein; die Kranken sind in ganz normalen Abteilungen inhaftiert, was dazu führt, dass sie von stärkeren Gefangenen finanziell und sexuell ausgebeutet werden. Genau das geschah mit diesem Hispanoamerikaner: Er wurde dazu gebracht, seine Psychopharmaka gegen Zigaretten zu tauschen und wurde dabei erwischt. Weil er so völlig arglos war, gab er den Regelverstoß zu - ganz ohne Ausflüchte, er wollte einfach nur Tabak haben.
Die Wahrheit hilft im Gefängnis keinem, wie wir bereits gesehen haben, und so überrascht es nicht, dass seine naive Offenheit keine Gnade nach sich zog Er wurde wegen Handels mit verschriebenen Medikamenten verurteilt, einem besonders schweren Vergehen, und in ein Gefängnis mit höherer Sicherheitsstufe verlegt: Einem Gefängnis ohne psychiatrische Abteilung.
Die Schuld daran dem Käufer der Pillen zuzuschreiben wäre sicher gerechtfertigt, allerdings bezieht dies die Tatsache nicht mit ein, dass die meisten Kriminellen ernsthafte (und unbehandelte) Probleme mit dem Missbrauch von Substanzen haben. 33% aller Täter standen unter Drogeneinfluss, als sie straffällig wurden, aber nur 18% von ihnen erhielten eine entsprechende Therapie hinter Gittern. Bei Alkoholikern liegen die Zahlen bei 37% und 14%.[18] Nur 6% der gesamten Aufwendungen für Gefängnisse fließen in Rehabilitations- und Ausbildungsmaßnahmen[19]; der Kreislauf der Sucht geht weiter und verschlimmert sich durch den hohen Stress, der durch die Gefängnisumgebung entsteht. Wie einfach das über die Lippen kommt: Die "hochstressige Gefängnisumgebung". Nimm dir eine Minute Zeit und stelle dir vor, mit einem Manisch-Depressiven in einer Box von drei mal vier Metern eingesperrt zu sein, der mit voller Lautstärke Metallica hört und nur gelegentlich duscht. Stell dir vor, am Morgen abgesehen von der Springer Show im Fernsehen keinen Grund zu haben, aufzustehen - keine Arbeit, keine Familie, keinerlei mentale Stimulation. Stell dir vor, dass das deine Perspektive für Jahre, Jahrzehnte oder sogar für den Rest des Lebens ist.
Am 27. April 2004 entschied mein damaliger Zellengenosse, dass es für ihn zuviel zu ertragen war, weitere zwölf Jahre bis zu seiner letztendlichen Entlassung hinter Gittern zu vegetieren. Währendessen ich eines Morgens beim Frühstück war, hängte er sich an einem Schuhband an meiner Pritsche auf; ich war derjenige, der seinen leblosen Körper entdeckte. Seit diesem Vorfall habe ich eine viel größere Sympathie für Gefangenen entwickelt, die versuchen, durch Sucht mit ihrer Misere fertig zu werden. Betäubungsmittel erscheinen mir heute als eine sehr viel weniger verwerfliche Wahl als die der Schuhbänder. In vielen Fällen produzieren die Anspannungen durch die Gefangenschaft neue Formen von Abhängigkeit oder abweichendem Verhalten. Unter meinen Mitgefangenen in der Segregation waren beispielsweise etliche "Gunners" - Männer, die das Verhalten entwickelt hatten, beim Anblick einer der mittlerweile vielen weiblichen Mitarbeiterinnen zu masturbieren.
Und natürlich gibt es unter den Häftlingen zu jedem Täter ein passendes Opfer von sexueller Gewalt. Wie ein früherer republikanischer Generalstaatsanwalt im Juli 2002 vor dem U.S. Kongress aussagte, werden jedes Jahr zwischen 250 000 und 600 000 Insassen von Mithäftlingen sexuell bedrängt oder vergewaltigt.[20]
Das mag erklären warum das das Department of Correctional Services in New York, eine Abteilung die Gefangene systematisch testet, von einer HIV-Infektionsrate von 8,5% berichtet. Im Vergleich: Die Infektionsrate unter der amerikanischen Normalbevölkerung liegt bei 0,3%.[21] Da fast alle Vergewaltigungen nicht unter den Augen der Wärter stattfinden, werden die meisten Angriffe nie dokumentiert - und wenn doch, werden sie verharmlost. Typisch war Vorfall, in den meine beiden ehemaligen Mitgefangenen in der Segregations-Abteilung involviert waren: Der Angreifer wurde mit einer unwesentlichen Verurteilung wegen eines Kampfes zurück in die normale Abteilung verlegt, während das Opfer aus seinen Lebenszusammenhängen gerissen und in ein anderes Gefängnis verlegt wurde. Und warum? Weil der große, ältere schwarze Täter dem Personal als Küchenmitarbeiter jahrelang kleine Gefallen getan hat. Vielleicht auch, weil das kleine, weiße pummelige Opfer als Borderliner bekannt war und seine Aussage zum Vorfall änderte. Jedenfalls fand der Angreifer danach eine dauerhafte "Freundin", während das Opfer in einem anderen Gefängnis zum "frischen Fisch" unter etablierten "Haien" wurde.
Nicht alle Gefangenen, die ich während meines Aufenthaltes in Seg traf, waren hoffnungslose Fälle: Dort im Loch fand ich unerwartet Juwelen, Männer wie Ras Talawa Tafari. Im Dezember 1999 erließ das Department of Corrections von Virginia die Vorschrift, dass sich alle Insassen die Haare kurz zu schneiden und die Bärte zu rasieren hätten, um das Verstecken von Waffen zu unterbinden. Eine Gruppe von Rastafaris, unter ihnen Ras, verweigerte diesen Befehl aus religiösen Gründen. Da Verhalten, das auf religiöser Überzeugung basiert, nur für die dominanten Glaubensrichtungen akzeptiert wird, sperrte man diese Männer im Loch ein, während die langwierige Gerichtsklage gegen diese Vorschrift durchgeführt wurde. Ich verbrachte nur dreiundvierzig Tage im Loch, währenddessen Ras bereits fünf Jahre hinter sich hatte als ich ihn kennen lernte. Ich fand an ihm erstaunlich und inspirierend, dass er im Loch wirklich menschlich gewachsen war und zu einer sanftmütigen und spirituellen Person geworden ist, die seine Zeit mit Meditation und der intensiven Lektüre alter Zeitungen verbrachte, die uns alle zwei Wochen zur Verfügung gestellt wurden. Während unserer Stunden in den Hundekäfigen hörte ich ihm bei dem Versuch zu, einen jüngeren Gefangenen zu überzeugen, nach seiner Entlassung nicht in sein altes Leben als Drogendealer zurück zu kehren. Lebe mit deiner Mutter anstatt mit den Gangmitgliedern, geh in die Bibliothek und lese die Rubik "Hilfe gesucht" in der Zeitung, schau dich in deiner Nachbarschaft um gucke, ab man in einem Waschsalon oder einer Videothek jemanden braucht. Natürlich beachtete ihn der junge Häftling nicht, er machte sich darüber lustig. Wie 59% aller Gefangenen war er von völligem oder funktionalem Analphabetismus betroffen, konnte sich selbst schlichtweg nicht in einer Bibliothek vorstellen und dachte wohl, nur ?Streber" würden dort zu finden sein.[22] Diese früheren Drogenabhängigen werden auch nach ihrer Entlassung wieder konsumieren und dafür sorgen, dass die Rückfallrate in diesem Land bei 67,5% bleibt.[23] Pikanterweise haben Staaten wie Kalifornien, Texas und Ohio unlängst Vorkehrungen getroffen, die mit Sicherheit dazu führen, dass der Durchschnittsamerikaner mit tickenden Zeitbomben wie diesem jungen Mann in der Nachbarschaft konfrontiert ist.[24] Gutgemeinte Pläne zur Reduzierung der Gefangenenzahlen konzentrieren sich derzeit auf die frühzeitige Entlassung von Drogendelinquenten ohne Gewaltdelikte; genau auf die Gruppe, die nach ihrer Entlassung am ehesten scheitert. Mörder die eine lebenslange Freiheitsstrafe absitzen hingegen, Männer wie Ras Talawa Tafari, werden nach einer Entlassung nicht einmal zu einem Drittel im Vergleich zu den Drogendealern wieder straffällig; zudem sind diese neuen Straftaten nicht gewalttätiger als die anderer ehemaliger Gefangener.[25]
Diese Zahlen stammen aus einer aktuellen Analyse von Daten aus dem Jahr 1994; dennoch wurde die bedingte Strafaussetzung bei lebenslangen Haftstrafen praktisch abgeschafft. Fast alle der 127 677 Gefangenen in staatlichen und bundesstaatlichen Anstalten mit lebenslanger Haftstrafe können davon ausgehen, hinter Gittern zu sterben.[26] Verurteilte wie Ras oder ich bezeichnen das als ?Todesstrafe auf Raten".
Ras Talawa Tafari sitzt im Loch, weil er seine Haare nicht schneiden lassen will; mein Vergehen ist es, über ihn, Cut Me Up, den kleinen psychisch kranken Hispanoamerikaner oder das pummlige jungen Opfer sexueller Gewalt nicht schweigen zu können. Ich zweifle ernsthaft daran, dass meine Bücher und Artikel irgendeinem Einzelnen helfen können. Zumindest aber möchte ich die amerikanische Öffentlichkeit auf die Leben und Geschichten einiger meiner Mitgefangenen aufmerksam machen. Es ist für den Steuerzahler ein Recht aber auch eine moralische Pflicht zu wissen, was in seinem Namen und mit seinem Geld geschieht. Aus ziemlich genau demselben Grund entschied ich mich nach fünf Wochen im Loch, die Presse zu informieren, nachdem ich von der stellvertretenden Direktorin erfahren hatte, dass ihre Anrufe in Richmond unbeantwortet blieben. Im Zuge dessen kam ich mit dem Reporter in Kontakt, der den Artikel über mein zweites Buch geschrieben hatte - diesen Artikel vom 20. September, der möglicherweise die Razzia in meiner Zelle und den Fund der Diskette nach sich gezogen hatte. Auf seine telefonische Anfrage am 8.November 2004 hin wurde ihm telefonische mitgeteilt, dass er einen Tag später zurückgerufen werden würde. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits aus dem Loch freigelassen worden und konnte den Journalisten direkt vom Aufenthaltsraum aus anrufen. Da ich nun entlassen wäre, sei das keine Story mehr, teilte er mir mit. Mit meiner Freilassung hatten die da oben verhindert, dass der Fall der Öffentlichkeit bekannt wird. Öffentlich wird er erst jetzt, mit diesem Artikel.
Es mir wichtig anzumerken, dass der stellvertretenen Gefängnisdirektorin zufolge die Untersuchungen gegen mich bis zum heutigen Tag andauern. Des weiteren informierte sie mich über den Verlust meines Jobs auf unbestimmte Zeit und über das Verbot, mit meinem ehemaligen Vorgesetzten mehr als ein "Hallo" im Vorbeigehen zu wechseln. "Such dir einen neuen Job", riet sie mir einige Tage später im Speisesaal.
Als ich eine entsprechende Position gefunden hatte, rief sie mehrmals bei meinem zukünftigen Arbeitgeber an um ganz sicher zu gehen, dass er mich tatsächlich einstellt hatte - und zwar zum gleichen relativ hohen Lohn den ich an meinem alten Arbeitsplatz bekommen hatte (45 Cent pro Stunde). Natürlich war das sehr nett von ihr und es hatte den positiven Nebeneffekt, dass es mir verunmöglichte, mich über eine unfaire Behandlung oder Vergeltung zu beklagen. Auf jede Anfrage würde der Sprecher des Hauptquartiers in Richmond zweifellos mit dieser bevorzugten Behandlung antworten.
In der Zwischenzeit überrollte ein Tsunami meine Zelle. Am 22. November 2004, genau zwei Wochen nach dem Anruf des Reporters in Richmond, erlebte ich die umfassendste Razzia meiner neunzehnjährigen Gefängniskarriere. Eineinhalb Stunden verbrachten zwei Wächter und ein höherrangiger Beamter damit, jedes einzelne Stück in meiner Zelle zu untersuchen. Dieser Beamte war keiner der gewöhnlichen Sicherheitsleute, sondern die rechte Hand des Sicherheitschefs - und vielleicht nicht ganz zufällig ein Computerexperte. Natürlich fanden er und seine Helfer gar nichts. Zumindest bin ich jetzt aus dem Loch entlassen, und das ist etwas für das ich dankbar sein muss, denke ich. Jede Zelle ähnelt er anderen, Segregation hat schon einige Nachteile, aber trotzdem, sie gab mir auch mehr Zeit um zu schreiben und zu beten, als meine gewohnte Unterkunft im Honor Dorm. Da der Bewährungsausschuss von Virginia voraussichtlich auch weiterhin meine Entlassung verhindern wird - mir wurde gesagt, dass neunzehn Jahre nicht annähernd genug wären - muss ich das Beste aus jedem Loch machen, in das der Staat mich steckt.
Du bist mit mir zusammen im gleichen Loch, auch wenn du es nicht bemerkst. Nein, ich meine damit nicht das bodenlose finanzielle Loch, das die Departments of Corrections mit ihren 57 Milliarden Dollar darstellen, die besser für Anderes genützt werden könnten. Was ich damit meine ist das moralische Loch, in dem du dich als Bürger der U.S.A. durch die amerikanische Obsession für Gefängnisse befindest. 22% aller Gefangenen weltweit sind in den U.S. inhaftiert, zugleich lebt nur 4,6% der Weltbevölkerung in Amerika.[27]
Die Vereinigten Staaten sperren einen höheren Prozentsatz ihrer Bevölkerung ein, als jede andere Nation - mehr als Nordkorea, mehr als der Iran, fünf mal so viel wie Großbritannien oder Kanada, neun mal so viel wie Frankreich oder Deutschland.[28] Das Land der Freiheit, Amerika, ist zum größten Gefängniswärter der Welt geworden.
In einer Demokratie ist der Steuerzahler und Wähler letztendlich selbst dafür verantwortlich, angelogen zu werden; er hat diejenigen Politiker in ihr Amt gehoben, die ihm all jene Gefängnisse bauen, die er wollte.
Cut Me Up und Ras Talawa Tafari und ich, sowie alle anderen 2,1 Millionen Insassen sind allesamt Gäste in diesem Hotel der Hoffnungslosigkeit, das dein Geld gebaut hat.
Offensichtlich gibt es andere Wege mit uns Kriminellen umzugehen - Wege, die Nordkorea, der Iran, Kanada und Deutschland längst erfolgreich beschreiten. Aber du entscheidest dich für Locher, Leinen und Hundekäfige.
Bitte fürchte dich nicht, wenn alles das ein bisschen zu hart für dich ist: Die Departments of Correction dieses Landes helfen dir, indem sie mich in einem Loch ruhigstellen.
Ich habe keine Zweifel daran dass ich wieder in der Segregation landen werde - wenn nicht für diesen Artikel, dann für den nächsten oder vielleicht für mein nächstes Buch. Wenn das geschieht, wird dich dieser kleine Fluss an Information über das Leben hinter den Gefängnismauern, den ich dir mit meinen Texten anbieten kann, nicht mehr erreichen.
Und dann kannst du beruhigt mich und alle anderen 2,1 Millionen Häftlinge vergessen.
1 Institutional Classification Authority hearing Form for hearing conducted on Jens Soering, # 179212, on September 28, 2004.
2 Charles Lutwidge Dodgson (Lewis Carroll), Alice's Abenteuer im Wunderland, übers. Antonie Zimmermann, autorisierte Ausgabe, Johann Friedrich Hartknoch Leipzig 1869.
3 Christian Parenti, Lockdown America, (New York: Verso Press, 2000).
4 Frank Green, "Prison Chief Defends Tenure," Richmond Times-Dispatch, September 16, 2002.
5 Justice Expenditures and Employment in the United States, (Washington DC: Bureau of Justice Statistics, 1999), Table 3; Fox Butterfield, "With Longer Sentences, Cost of Fighting Crime is Higher," New York Times, May 3, 2004.
6 Marc Mauer, Race to Incarcerate, (New York: The New Press, 1999), pp. 82-84; Richard Willing, "Inmate Population Rises as Crime Drops," USA Today, July 28, 2003; Connie Cass, "Prison Population Grows by 2.9%," Associated Press, May 28, 2004.
7 Richard Willing, "Crime Rate hits 30-Year Low," USA Today, August 24, 2003.
8 Neely Tucker, "Study Warns of Rising Tide of Released Inmates," Washington Post, May 21, 2003; Charles Colson, Justice That Restores, (Wheaton, IL: Tyndale House Publishers, 2001), p. 101.
9 Tara-Jen Ambrosio and Vincent Schiraldi, From Classrooms to Cellblocks, (Washington DC: Justice Policy Institue, 1999).
10 Eric Lottke, Hobbling a Generation, (Baltimore: National Center on Institutions and Alternatives, 1997); see also Washington Post, August 26, 1997, p. B1.
11 Informal Mechanism submitted by Jens Soering on October 5, 2004, replied to by Assistant Warden K. Runion on October 7, 2004.
12 Informal Mechanism submitted by Jens Soering on November 2, 2004, replied to by Assistant Warden K. Runion on November 4, 2004.
13 DOP 861 has meanwhile been revised to allow segregation sentences of up to thirty days even for less serious (200-series) offenses.
14 Details of the lives of all prisoners described in this piece have been changed slightly, to give them a minimum amount of protection.
15 Profile of State Prisoners Under Age 18, 1985-1997, (Washington DC: Bureau of Justice Statistics, February 2000), pp. 1, 2.
16 Paul von Zielbauer, "Report on State Prisons Cites Inmates' Mental Illness," New York Times, October 22, 2003.
17 Fox Butterfield, "Study Finds Hundreds of Thousands of Inmates Mentally Ill," New York Times, October 22, 2003; Etienne Benson, "Rehabilitate or Punish?" Monitor on Psychology (American Psychological Association), Vol. 34, No. 7, July-August 2003, p. 47.
18 Substance Abuse and Treatment, State and Federal Prisoners, 1997, (Washington DC: Bureau of Justice Statistics, 1997), p. 1.
19 Ayelish McGarvey, "Reform Done Right," American Prospect, December 2003, p. 43.
20 Michael M. Horrock, "Hundreds of Thousands Raped in US Lockups," United Press International, July 31, 2002.
21 H.I.V. in Prisons, (Washington DC: Bureau of Justice Statistics, 2000), p. 2; Centers for Disease Control, "Morbidity and Mortality Weekly Report," February 26, 2003, Vol. 52.
22 Education as Crime Prevention, OSI Criminal Justice Initiative, September 1997.
23 Patrick A. Langan and David J. Levin, Recidivism of Prisoners Released in 1994, (Washington DC: Bureau of Justice Statistics, June 2002).
24 Patrick McMahon, "States Cut Inmates Loose to Cut Costs," USA Today, August 11, 2003; Vincent Schiraldi, "Prison Nation," Virginian-Pilot, December 14, 2003; Drake Bennet and Robert Kuttner, "Crime and Redemption," American Prospect, December 2003; Vincent Schiraldi, "California's Prison System Lags Behind," Pacific News Service, June 30, 2003.
25 Marc Mauer, Ryan S. King, Malcolm C. Young, The Meaning of "Life": Long Prison Sentences in Context, (Washington DC: The Sentencing Project, May 2004), p. 24.
26 Mauer, King, Young, The Meaning, ibid., p. 3, 5.
27 Roy Walmsley, World Prison Population List, 3rd ed., (London: Home Office Research, Development and Statistics Directorate, 2002); US Census Bureau, 2002, as cited in Peter Wagner, The
Prison Index, (Springfield, MA: Prison Policy Initiative, 2003).
28 Walmsley, op. cit., pp. 4-5; Cass, "Prison," op. cit.